Interview mit Karsten Drath – „Hochleistung unter Druck, Unsicherheit & Komplexität“

Management Forum Starnberg: Manager stehen unter Druck, das ist nicht neu. Doch scheint es verstärkt Führungskräfte zu geben, die der Belastung nicht standhalten. Warum?
Karsten Drath: Es ist heute nicht anders als früher, es wird nur offener gesprochen. Der Erwartungsdruck ist hoch – Entscheidungsfreiheit bringt Gestaltungsspielräume mit sich, die auf der Kehrseite für einen übervollen Terminkalender, zahlreiche Dienstreisen und wenig wirklich freie Freizeit sorgen. Die Verantwortung ist eine enorme Belastung, der die meisten Manager für eine erstaunlich lange Zeit standhalten. Es braucht aber meist nur eine einzige zusätzliche, länger anhaltende Krise, etwa Probleme in der Beziehung, Ärger mit dem Finanzamt oder bei den Kindern, und der dynamische und leistungsorientierte Manager wird sichtbar psychisch und meist auch physisch labil.

Management Forum Starnberg: Was benötigt das Top-Management, um im Alltagsstress bestehen zu können?
Karsten Drath: Einen Neutralisationsmechanismus, wie ihn ein Hochhaus im Erdbebengebiet hat. Ein Beispiel: Eines der höchsten Gebäude der Welt steht in Taiwan, das „Taipei 101“. Es ist zwischen dem 88. und dem 92. Stockwerk mit einer 600 Tonnen schweren Stahlkugel als Pendel ausgestattet. Bebt die Erde, schwingt die Kugel im eigenen Rhythmus und stellt ein wirksames Gegengewicht dar – das Gebäude nimmt trotz schwerer Erschütterung keinen Schaden. Das ist die Widerstandskraft, die Führungskräfte benötigen. Das ist Resilienz. Und die trainiere ich mit Führungskräften.

Management Forum Starnberg: Was sind die Erdbeben der Führungskräfte?
Karsten Drath: Druck, Niederlagen, Konflikte und andere Widrigkeiten. Die Gegengewichte heißen Selbststeuerung, Strategien im Umgang mit Stress, das Erreichen gesteckter Ziele, trotz vieler Hindernisse.

Management Forum Starnberg: Wie genau wird Resilienz trainiert?
Karsten Drath: Wir haben das Modell der ‚Sieben Sphären der Resilienz‘ entwickelt – auf allen sieben Ebenen üben wir. Die innerste Sphäre ist die Persönlichkeit, der Kern – das, was einen Mensch schon in frühester Kindheit geprägt hat. Er lässt sich kaum beeinflussen. Ganz anders die zweite Sphäre, die sich wie ein größerer Kreis um den Kern legt. Das ist die Biographie, d.h. die Geschichte, die wir selbst über unser Leben erzählen. Darauf der Bereich der inneren Haltung. Hier sind die Glaubenssätze verortet, die sich im Laufe des Lebens einbrennen. In unseren Trainings identifizieren wir sie – das ist der schwierigste Part für den Manager, denn er ist sich seiner Glaubenssätze meist nicht bewusst.

Management Forum Starnberg: Können Sie ein Beispiel nennen?
Karsten Drath: Nicht selten treffen wir auf „Wenn ich nicht alles gebe, werde ich nicht gemocht“. Wer so einen inneren Antreiber hat, ist auf der Haben-Seite meist besonders leistungsfähig und erfolgreich. Und auf der Soll-Seite fällt es ihm schwer abzuschalten und das Erreichte zu genießen. Wir holen die Glaubenssätze ins Bewusstsein und der Manager kann dann entscheiden, ob dieser Glaubenssatz hilfreich oder störend für sein Leben ist – und ihn entsprechend modifizieren.

Management Forum Starnberg: Können Sie noch ein Beispiel für eine Sphäre nennen?
Karsten Drath: Nehmen wir die vierte Ebene. Sie zielt auf die eigenen Ressourcen: Manager lernen für sich zu definieren, wie ihr Stressabbau funktioniert. Das kann Sport, die abendliche Sauna, Gartenarbeit, das Glas Rotwein oder der brennende Kamin sein. Das Problem ‚Stress‘ bei sich selbst wahrzunehmen und sofort zu wissen, wie die Regulierung funktioniert, ist enorm wichtig für das Top-Management.

Management Forum Starnberg: Das klingt nach intensiver Arbeit an sich selbst. Wie geht die Leistungselite damit um?
Karsten Drath: Wer in unsere Trainings kommt, hat einen Bedarf erkannt. Das Schulen der eigenen Wahrnehmung empfinden viele als bereichernd. Schwieriger ist die Akzeptanz, dass zur Resilienz auch die Körperarbeit gehört. Für viele Manager ist das negativ besetzt, weil sie an Esoterik denken, wenn sie von Meditation, Qi Gong oder Yoga hören. Wir verzichten deshalb auf die spirituellen Aspekte dieser Körperarbeit.

Management Forum Starnberg: Sie selbst sind lange Jahre als Manager über ihre Grenzen hinausgegangen. Was bedeutet Ihnen Ihre Arbeit als Coach?
Karsten Drath: Sie ist das Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses und ich bin dankbar für all die Erdbeben in meinem Leben – an ihnen bin ich gewachsen. Diese Fähigkeit, zielorientiert mit Druck und Erschütterungen umzugehen, kann ich weiter geben.

Der nächste Seminartermin:
Hochleistung unter Druck, Unsicherheit & Komplexität. 16./17. Juni 2016 in Starnberg www.management-forum.de/hochleistung

Zur Person: Karsten Drath, 46, Unternehmer, Referent, Autor und Coach ist Spezialist für Führung und Resilienz und seit vielen Jahren einer der Managing Partner von Leadership Choices, einem Anbieter von Executive Development in West-Europa. Er coacht das Top-Management internationaler Großfirmen und arbeitet sowohl für das World Economic Forum in Genf als auch für das Center for Creative Leadership in Brüssel. Zudem ist er Gastdozent am Center for Responsible Leadership der WHU in Koblenz. Seinen großen Erfolg verdankt der gelernte Diplom-Ingenieur seiner eigenen Erfahrung als Manager unter Druck in verschiedenen Konzernen. 2010 fand er im Coaching und der Arbeit an der eigenen Widerstandsfähigkeit seine Berufung und verließ die Welt der Großunternehmen. In der Folge ließ er sich als Psychotherapeut ausbilden und hat seitdem sechs Bücher in Deutsch und Englisch zu den Themen Coaching, Führung und Resilienz veröffentlicht.

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